Margaret Calvert

26. September 2017

„Fällt man wegen seiner Schildergestaltung auf, wird man zum Schildergestalter“, bemerkte Margaret Calvert Anfang der 1950er Jahre. Und so sollte es auch kommen.

Griechenland, Portugal, Großbritannien, Irland, oder Island, keines dieser Länder kann man befahren ohne von den Schildern Margaret Calverts geleitet zu werden. Auf ihnen leuchtet einem die Transport entgegen, eine serifenlose Schrift, die sie zusammen mit ihrem Kollegen und ehemaligen Dozenten Jock Kinneir, für Straßenleitsysteme entwickelt hat.

Transport 1)

Jock Kinneir, war selber schon viele Jahre als Gestalter und Dozent tätig bevor er Calverts Talent als Studentin erkannte und sie einlud, zusammen mit ihm die Beschilderung des neuen Flughafens Gatwick zu gestalten. Für ihren ersten Entwurf griffen sie zu so bewährten Schriften wie der Gill Sans, stießen jedoch auf keine nennenswerte Resonanz. Ergeizig begannen sie wieder von vorne und entwickelten diesmal eine eigene Schrift, die sich an die Schrift der Londoner U-Bahn, der Johnston Sans, sowie an die Monotype Grotesk anlehnte. Es kam, wie es kommen musste, die Eröffnung des Flughafens war ein voller Erfolg; die grünen Schilder mit weißen Buchstaben wurden von den Meisten nicht einmal wahrgenommen – ein perfekter Beweis für ihre Funktionalität. Wären sie wegen besonderer Schönheit oder Extravaganz aufgefallen, hätten sie ihren Zweck, nämlich schnell und klar Informationen zu vermitteln, verfehlt. Doch Calverts und Kenniers Schrift erfüllte ihre Pflicht ganz hervorragend. Promt folgte ein Auftrag zur Gestaltung von Gepäcketiketten für die Passagiere eines Kreuzfahrtschiffs. Das Designerduo gewann mehr und mehr an Popularität und so verwundert es nicht, dass Kennier 1957 zum leitenden Gestalter der Autobahnbeschilderung ernannte wurde.

Teil des Auftrags war jedoch die Auflage, dass die Designer die in Deutschland seid 1920 auf Straßenschildern verwendete DIN Schrift verwenden sollten. Die DIN, so die Auftraggeber des Verkehrsgremiums, habe sich mehrfach bewährt, führe sie doch tagtäglich tausende Autofahrer durch technische Perfektion zu ihrem Ziel. Calvert und Kennier ignorierten diese Auflage.

FF DIN auf deutschen Autobahnen 2)

Ihrer Meinung nach war die DIN Schrift zu ungalant und fügte sich nicht gut in die britische Milde der englischen Hügellandschaften ein. Sie begannen erneut an einer eigenen Schrift zu arbeiten. Das Ergebnis war die Transport, deren Architektur und grafische Umsetzung sie an die Leseanforderungen eines Straßenschildes optimiert hatten. Als Vorbild diente den Grafikern die Mutter aller Groteskschriften, die Akzident Grotesk. Entstanden Ende des 19 Jahrhunderts, aller Wahrscheinlichkeit nach in der Berthold Schriftgießerei, diente sie als Vorlage bekannter Schriften, allen voran Helvetica und Univers.

Calvert und Kinnier entschieden sich für die Verwendung von Groß- und Kleinbuchstaben, ein typografisches Mittel, das es dem Leser schneller ermöglicht, Wörter beim Überfliegen zu erfassen. Wörter mit Großbuchstaben am Anfang sind häufiger Fixationsstellen des Auges und sind so schneller lesbar als eine ausschließlich aus Gemeinen (Kleinbuchstaben) oder Versalien (Großbuchstaben) bestehende Schrift.

Und so entstand eine Schrift, die bis heute das Straßenbild vieler Kontinente prägt. Ihre Klarheit und die Gleichförmigkeit der Buchstaben lenken nicht vom Wesentlichen ab und ermöglichen eine gute Lesbarkeit aus der Ferne.

Die große Kunst war es nun, die Schrift so auf den Schildern anzuordnen, dass die Worte aus 200 Metern Entfernung bestmöglich erkannt werden konnten. Durch sorgfältige Spationierung wurden die Buchstaben also auf die Blickwinkel der Fahrer ausgerichtet, so dass die Wortformen schnell und unmissverständlich vom Fahrer erkannt werden konnten. Calvert und Kinneir sahen sich mit dem Problem konfrontiert, dass der Lichtfluteffekt der Scheinwerfer bewirkte, dass Buchstaben in weiß auf schwarz etwas dünner sein müssen als schwarze Buchstaben auf weißem Grund. So ging es viel mehr um die Worterkennung, als darum, dass ein Fahrer einzelne Buchstaben erfassen kann. Im Grunde war es wie bei einem Rembrandgemälde, das aus naher Entfernung keinen Sinn zu ergeben scheint, aus der entsprechender Distanz jedoch ein stimmiges Ganzes ergibt.

Kaum waren die Autobahnschilder installiert und erprobt, eröffnete sich eine neue Herausforderung. Die Beschilderung der normalen, britischen Verkehrsstraßen, deren letzte Überholung noch aus der Römerzeit stammte. Über die Jahrhunderte war ein Schilderdschungel gewachsen, deren Textdichte eher an ein schlechtes Buch, als an ein Leitsystem erinnerte.

Das Verkehrskomitee trat also erneut an Kennier und Calvert heran und die beiden schlugen die Verwendung der Transport auf grünem Grund vor, mit gelben Buchstaben für die großen Straßen und weißen für die Nebenstraßen.

Doch so widerstandslos wie die Beschilderung der Autobahnen, ging es diesmal nicht von statten. David Kindersley, eine englische Designikone, fühlte sich übergangen. Er hatte eigens für die englischen Straßenschilder die MOT Serif in Versalien entwickelt. Kennier und Calverts Transport bestand hingegen aus einem vollends ausgearbeiteten Navigationssystem mit Zahlen und Piktogrammen.

Kindersley, der den Verlust seines Rufes fürchtete, forderte einen direkten Vergleich der beiden Schriften. Es folgte ein Schriftenduel. Und so wurden am Benson Airport mehrer Piloten auf Stühle gesetzt. Auf zwei Autos wurde jeweils ein in Transport gesetztes Schild und ein in MOT Serif gesetztes geschnürt. Beiden Autos bewegten sich nun gleichschnell auf die Piloten zu und diese sollten sagen, welches sie als erstes lesen konnten. Kindersley gewann mit einem Vorsprung von 3%. Das Komitee entschied sich dennoch für das System von Kennier und Calvert.

Ihr Werk wurde mehrfach ausgezeichnet. Soeben wurde die heute 81-jährige Grand Dame der Verkehrsschilder mit der Medallie für das Lebenswerk beim Londoner Design Festival ausgezeichnet.

Sadiq Khan bemerkte bei der Preisverleihung „Like all the best designs that last for generations, these designs just feel right – like there was no other option. It’s hard to think of anyone else who has done more to distinctively brand our country.“

Und so beeinflusst Calverts Design noch heute tausende von Designern und prägt vielerorts das Straßenbild Großbritanniens.

Quellen
  1. Contains public sector information licensed under the Open Government Licence v3.0.https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Traffic-signs-manual-chapter-7-2004-figure-11-06.svg
    Source: Source file supplied as EPS to uploader from Department for Transport; https://www.gov.uk/government/uploads/system/uploads/attachment_data/file/203668/traffic-signs-manual-chapter-07.pdf
    Autor:

    • Department for Transport (United Kingdom)
    • Department for Regional Development (Northern Ireland)
    • Scottish Executive
    • Welsh Assembly Government
  2. Source: By Stadt Nürnberg (Stadt Nürnberg) [Copyrighted free use], via Wikimedia Commons
    CC0 1.0 Universal (CC0 1.0) Public Domain Dedication