Revolution 4.0

11. September 2017

Revolutionen haben seit jeher radikale Umbrüche der Gesellschaften mitgebracht. Die erste ersetzte manuelle Arbeit durch die Dampfmaschine. Die zweite brachten das Fließband und die Massenproduktion mit sich. Die dritte war die digitale Revolution. Und die vierte verschiebt die Kommunikation zwischen Menschen auf digital kommunizierende Dinge. Das Ausmaß der gesellschaftlichen und sozialen Auswirkungen ist vielfach von Historikern, Soziologen, Philosophen und Intellektuellen durchdacht worden, doch bleibt die genaue historische Einordnung wohl Privileg der zukünftigen Generation. Eine Beobachtung ist allerdings auch heute schon formulierbar: der Wandel von der analogen zur digitalen Welt ist in seiner evolutionären Wucht mit der Erfindung des Buchdrucks um 1450 vergleichbar.

„Alle Buchstaben sind zunächst Zeichen und alle Zeichen zunächst Bilder“, heißt es in „En Voyage Alpes et Pyrénées“ einer Reisebeschreibung von Viktor Hugo aus dem Jahr 1910. Er deutet damit auf die enorme Errungenschaft des Menschen sich visuell auszudrücken, sich schriftlich mitzuteilen. Denn weiter bemerkt Hugo, „Die menschliche Gesellschaft, die Welt, der ganze Mensch steckt im Alphabet. […] Das Alphabet ist eine Quelle.“ Doch wo hat diese Quelle ihren Ursprung? Woher kommt diese faszinierende Fähigkeit Gedachtes in visuelle Form zu bringen?

Der Mensch schreibt seit 3000 Jahren, setzt seit 500 Jahren in Blei und äußert sich seit kurzem digital. Er lernte mit Hilfe von Zeichen und Symbolen Bedeutung festzuhalten, Gedachtes auszudrücken, Erlebtes zu visualisieren. So ist über die Jahrtausende unsere heutige Schrift gewachsen. Sie wurde handschriftlich geschrieben, technisch gesetzt und durch die ästhetischen Ansprüche der jeweiligen Zeit geformt. Somit ist die Geschichte der Menschheit ebenso die Geschichte der Schrift. All die großen zivilisatorischen Sprünge wären ohne die Entwicklung des handschriftlichen Schreibens und technischen Setzens undenkbar.

Unsere heutige westliche Typografie hat vermutlich ihren Ursprung in den Zeichen der Völker des mittleren Orients um ca. 1500 v. Ch., aus denen die Griechen im 8. Jahrhundert v. Chr. die griechische Majuskelschrift entwickelten. Die Römer übernahmen wiederum die Zeichen der Griechen und entwickelten sie weiter. Ihre höchste Formvollendung fand sich ca. 100 v.Chr. in der Capitalis Monumentalis, die noch heute auf dem Sockel der „Columna Traiana“ der Trajanssäule in Rom zu bewundern ist. Sie ist eine der beeindruckendsten Beispiele römischer Schriftkunst. Ihr architektonischer Aufbau fußt auf den Grundformen unseres lateinischen Alphabets: Quadrat, Kreis und Dreieck.

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Capitalis Monumentalis 1)

Diese sind sowohl Grundlage unserer heutigen Versalbuchstaben als auch Ausgangspunkt der Entwicklung der Kleinbuchstaben. Durch das schnelle, handschriftliche Verfassen und Kopieren mit unterschiedlichsten Schreibwerkzeugen und Benutzerwinkeln auf verschiedensten Unterlagen formte sich die Ursprungsform unserer heutigen Kleinbuchstaben. Entwicklungsstationen waren die Formen der Capitalis Quadrata, der Rustika sowie der Unziale und Halbunziale.

Unzialschrift
Capitalis Quadrata 2)

Der damaligen Formenvielfalt überdrüssig, beauftragte Karl der Große im 8. Jhdt. einen Mönch mit der anspruchsvollen Aufgabe Ordnung in die verschiedensten Schriftformen zu bringen. Es entstand die karolingische Minuskel, Grundlage unserer heutigen Kleinbuchstaben.

KarolingischeMinuskel
Karolingische Minuskel 3)

Sie diente als Inspirationsquelle der Renaissancekünstler bei ihrem Entwurf der humanistischen Minuskel, die zusammen mit der römischen Kapitalschrift die Grundlage unseres heutigen Alphabets aus Groß- und Kleinbuchstaben bildet.

Die Schriftgeschichte war also zum einen immer eine unmittelbare Folge des alltäglichen Schriftgebrauchs. Zum anderen war sie jedoch auch Ausdruck von staatlicher und klerikaler Macht. So entstanden in den Mönchsstuben der Klöster parallel zu den Formen des lateinischen Alphabets die gotischen Schriften. Als Johannes Gutenberg 1450 die beweglichen Lettern schuf, waren die gotischen Buchstaben Grundlage seiner ersten Schriftkegel. Die Erstausgabe seiner 42-seitigen Bibel war in einer an die Schwabacher angelehnte, breit laufenden Bastarda gesetzt; weiter folgende Ausgaben erfolgen in Fraktur. Die sich von Luther abwendenden Humanisten bevorzugten die Lateinschrift und so wurde die Antiqua in den römisch-katholisch geprägten Gegenden zur prägenden Schriftform.

Diese Erfindung Gutenbergs vor rund 550 Jahren löste eine vergleichbare mediale Umwältzung aus wie die vierte industrielle Revolution der Digitalisierung heute. Der Alltag der Menschen im Übergang vom Mittelalter zur Neuzeit veränderte sich fundamental.

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Gutenberg Bibel 4)

Die gebrochenen Schriften waren in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts etablierter Teil unserer Gebrauchsschriften, bevor sie auf Befehl Hitlers vollends von der Bildfläche verschwanden.

Während der Renaissance entstanden in ganz Europa neue Buchdruckwerkstätten wobei Italien zur Geburtsstätte der Typografie wurde. Der Franzose Nicolas Jenson war einer der Pioniere der humanistischen Schriften, die auf der Wiederentdeckung der karolingischen Minuskel und der Capitalis Quadrata der Römer basierten. 1469 gründete er seine erste Druckerei in Venedig. Seine über die Jahre mehrfach überarbeitete Jenson gilt noch heute als eine der vollkommensten Schriften. Ein Großteil bedeutender Renaissance-Schriften haben bis heute eine Vielzahl an Überarbeitungen erlebt, alle dem jeweiligen technischen Stand sowie der Ästhetik der entsprechenden Zeit geschuldet. Diese Ästhetik und ihr Wandel innerhalb der letzten 2000 Jahre ist auf beeindruckende Weise mit den Entwicklungen in der Architektur verwoben. In beiden Disziplinen spiegeln sich die geistigen und intellektuellen Strömungen der Epochen.

Und so ist die vierte digitale Revolution und ihre Auswirkung auf die Formen und Funktionen des geschriebenen Wortes als Glied dieser gesellschaftlich-historischen Kette zu begreifen, die durch den technisch-ästhetischen Wandel stetig wechselnde Gesellschaften schreibt.